Führungsfehler werden zu oft toleriert. Was Unternehmensberatungen und Trainingsinstitute oder die akademische Welt als gute Führung betrachtet, scheint die Unternehmenslenker und Führungskräfte selbst weniger zu interessieren, wie Studien zeigen. „Was machen gute Führung und eine gute Führungskraft aus? Diese Frage wird im Tagesgeschäft vieler Unternehmen offenbar nicht nachhaltig beantwortet. Umfragen zufolge wird schlechtes Führungsverhalten gegenüber Untergebenen meist toleriert.“[i] Eine Studie der Hochschule Osnabrück kommt zu interessanten Ergebnissen.

Führungsfehler tolerieren und Kopf in den Sand

  • Das Führungsverhalten ist bei 85 Prozent der befragten Unternehmen Bestandteil der Personalbeurteilungsbögen. (immerhin)
  • 80 Prozent tolerieren schlechtes Führungsverhalten. Sie sehen darin keinen Grund, sich von schwachen Führungskräften zu trennen. (schau an)
  • 90 Prozent der Befragten geben dem operativen Ergebnis einen hohen oder sehr hohen Stellenwert. (ok, das ist der Job)
  • Nur 17 Prozent der Befragten Unternehmen interessieren sich für die Fluktuationsrate unter den eigenen Mitarbeitern. (hm)

Wenn man Führungsfehler in diesem Ausmaß zulässt, kann das nichts werden. GMV. „Eine Führungskultur, die motiviert, fördert und einen stabilen Rahmen zur Befähigung von Mitarbeitern schafft, scheint in deutschen Unternehmen nicht durchgehend gefragt zu sein. (…) Die meisten Probleme entstehen durch Führungskräfte, die nicht oder nur unzureichend führen.“[ii] Eine Langzeitstudie von Proudfood Consulting besagt, dass 85 von 224 Arbeitstagen verschwendet werden und nicht produktiv sind. Demnach werden 79 unproduktive Arbeitstage von Fehlern in der Führung verursacht.[iii]

Fischköpfe und Führungsfehler

Ein GMV-Grundsatz gilt nach wie vor: „Der Fisch stinkt am Kopf am meisten“. Der Personalexperte Jörg Knoblauch[iv] nennt die größten Führungsfehler und Fehler der Chefs beim Namen. Picken wir einige davon heraus. Manche Chefs erwarten, dass man alles genau so macht, wie sie es wünschen, und mischen sich überall ein – Knoblauch nennt das Mikromanagement. Andere haben eine Entwicklungsblockade und meinen „ich habe doch alles erreicht“. Dieser Chef braucht keine Weiterbildung, denn er wäre ja nicht hier oben, wenn er nicht wüsste, wie man’s macht. Eine besondere Spezies sind die Ausbeuter. Sie berufen sich auf Markt und Wettbewerb, zahlen sich selbst mehr Geld und drücken die Löhne bei Ihren Mitarbeitern, die sich kaum das Nötigste zum Leben leisten können. Anderen fehlt es an der Kinderstube. Sie erniedrigen ihre Leute regelmäßig. Auch ein schöner Führungsfehler: Die Selbstüberschätzer – wir erinnern uns an die Überlegenheitsillusion.

Vom Führungsfehler zur Fehlbesetzung

Knoblauch´s Führungsfehler Statement: „Leider gibt es auch Chefs, die nicht nur Fehler machen, sondern eine einzige Fehlbesetzung sind. Sie trauen sich ihren Job zwar zu, aber ehrlicherweise müssten Sie erkennen, dass ihnen die Dinge über den Kopf wachsen und sie eine Aufgabe dieser Größenordnung nicht (mehr) beherrschen. Solche Chefs sitzen entweder dort, wo ein Unternehmen schnell und stark gewachsen und dabei hochkomplex geworden ist. Oder es sind ursprünglich begabte unfähige Mitarbeiter, die einmal zu viel befördert worden sind.“

Entscheidungsschwäche massiver Führungsfehler

Selbstüberschätzung paart sich oft mit einem weiteren massiven Führungsfehler, der Entscheidungsschwäche. Immerhin 84 Prozent halten nach einer Studie Entscheidungskompetenz für die wichtigste Führungskompetenz. Knoblauch benennt Entscheidungsschäche als die Chef-Falle. Das ist entmutigend und gleichzeitig steckt darin immenses Potenzial. Denn wo viel im Argen liegt, wo es viele Führungsfehler gibt, kann man viel optimieren. Diejenigen, die sich um bessere Führung bemühen, haben beste Chancen auf Erfolge. Aber Vorsicht, denn „Wenn die Sonne auf einen Misthaufen scheint, antwortet er mit Gestank“ (Deutsches Sprichwort).

Führungsfehler abbauen gleicht Krieg

Wer an Führung wirklich etwas verändern will, Führungsfehler abbauen möchte, hat mit kräftigem Gegenwind zu rechnen. Denn es geht nicht nur um Führungs- und persönliche Kompetenzen, es geht auch um Organisations- und Führungsstrukturen und vor allem um Privilegien, also um Führungsfürstentümer und ums Eingemachte. Nie waren Chefs so aktiv wie beim Abwehren von Privilegien beschneidenden Veränderungen, so unserer Erfahrungen. Dann werden manche sonst eher müden Führungskrieger zu kämpfenden Strategen mit guerillaartigem Einsatz und kaum gekannter Zusammenarbeit mit anderen Chefs im Unternehmen.

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[i] https://organisationsberatung.net/gute-fuehrung-gute-fuehrungskraft/, 22.12.2015
[ii] https://organisationsberatung.net/gute-fuehrung-gute-fuehrungskraft, 22.12.2015
[iii] Herbert Gölzner: Erfolg trotz Führung, Das Systemisch-integrative Führungsmodell, Wiesbaden 2016. Kindle-Version, Position 49
[iv] Jörg Knoblauch. Die Chef-Falle, Wovor Führungskräfte sich in Acht nehmen müssen, Campus, 2013, Kindle-Version, Position 158 ff.

Auszug aus: „Führen mit GMV“ – wie Sie mit gesundem Menschenverstand souverän führen, Nürnberg 2016

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