Führungskräften in emotionalen Ausnahmesituationen helfen zu können, gehört zu den besonders heiklen Aufgaben eines Unternehmens. Ich habe das selbst schon erlebt. Als noch recht junger Chefredakteur musste ich durch eine persönliche Krise gehen – Herzschmerz (ja, das gibt es auch bei Männern). Mir hat der Job geholfen und doch war ich damals in einer kritischen Situation – ich war überlastet und darunter litten meine Arbeitsleistung und meine Führungsqualität. Das war Anfang der 1990er Jahre. Heute heißt das Burn Out. Damals hat sich der Arbeitgeber nicht um solche Themen gekümmert. Ich übrigens auch nicht. Heute ist das anders und dringend nötig. Denn etwa 20 Prozent1 der Coachings von Führungskräften haben mit persönlichen Beziehungsproblemen zu tun.

Führungskräften in emotionalen Ausnahmesituationen mit erhöhtem Risiko

Chefin und Chef haben ein höheres Risiko für psychische Krankheiten, Überlastungssyndrom und Burn Out, so eine Studie der Universität Heidelberg. Führungskräfte in emotionalen Ausnahmesituationen sind also eher die Regel als die Ausnahme. Ich erlebe das immer wieder in Coachings. Psychisch angeschlagene Chefs wirken dann entweder besonders aggressiv oder antriebslos und fatalistisch. Entweder „Mir reicht es jetzt. Ich gehe und dann werden sie schon sehen, was sie davon haben“, oder „Ich kann machen was ich will, es bewegt sich nichts“. Beides führt früher oder später in die Krise. Und die Chefs hierzulande sind besonders gefährdet.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen schätzt, dass jeder zehnte Manager alkoholabhängig ist – bei den Angestellten sei es nur jeder 20. Und laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Baumann hat jeder Zweite von ihnen Angst, im Laufe seiner Karriere ein Burn-out zu erleiden.2

Zielgruppe Führungskräfte in emotionalen Ausnahmesituationen

Die Führungskräfte arbeiten viel, haben eine Menge Druck auszuhalten und sind nicht selten rein joborientiert. Das trifft besonders auf Männer zu. Darunter leiden nicht zuletzt PartnerIn und Familie. Und mancher Chef ist zuhause eben kein Chef und kommt damit auch nicht klar – auch das ist vor allem ein Männerthema. Und wenn es in beiden Welten, der beruflichen und privaten, brennt, dann brennt auch bald der Betroffene … nicht selten aus.

Führungskräfte sind eine wachsende Zielgruppe von Psychokliniken und Burn-Out-Praxen. Der Chefarzt der Oberbergklinik Berlin/Brandenburg für psychische Erkrankungen und der Oberberg-Tagesklinik Berlin, Bastian Willenborg, konstatiert dazu in der Zeit. „Um beruflich nach oben zu kommen, mussten Manager oft andere Bereiche vernachlässigen: Freundschaften, Freizeit, kulturelles Leben.“ (…) Bei Krisen, vor allem den privaten, hätten Führungskräfte deshalb oft wenig Rückhalt.“ Und das verstärkt jede Form von Krise, ob Beziehungsstress, kranke oder verunfallte Angehörige oder gar der Tod eines geliebten Menschen. Zu Beruf und Trauer finden Sie hier einen Artikel.

Leistung bei Führungskräften in emotionalen Ausnahmesituationen

Ich selbst hatte damals als Chefredakteur echte Leistungseinbußen. Und das ist ja auch klar. Wenn man kaum schläft, ständig Stressgespräche hat und das alles in einer Trennung endet, gehört man situativ sicher nicht zu den Top Performern. Ich jedenfalls war eine Zeit lang durch den Wind. Das ist in mehrfacher Hinsicht ungünstig, in mancher sogar richtig doof:

  • Die Mitarbeiter wissen (meistens) nicht, was mit dem Chef los – er wird dazu wohl auch keine Rundmail senden
  • Kunden und Kollegen geht es gegebenenfalls ebenso – Kunden reagieren verständig, wenn sie Bescheid wissen
  • Man selbst führt Fehler, Unkonzentriertheit oder Antriebslosigkeit auf andere Ursachen
  • Aggression oder Fatalismus im Job steigen, je nach Typ – die Folge sind weitere Probleme – der Beginn einer Abwärtsspirale
  • Das Thema wird tabuisiert anstatt angegangen – „das hat in der Arbeitswelt nichts zu suchen“, so eine häufige Aussage

„Die meisten Menschen, die bei uns in der Klinik landen, kommen zu spät. (…) Sie haben dann bereits Depressionen oder Angstzustände.“ Chefarzt Willenborg in: wenn Führungskräfte Kummer haben, Zeit Online2

Man muss nicht so lange warten, bis ein Klinikaufenthalt notwendig ist. Das kann früher durch Coaching bearbeitet werden. Dazu müssen die Führungskräfte aber selbst den ersten Schritt machen und aus der Tabuzone heraustreten. Das erfordert Mut, der leider auch geringer ist, wenn man in einer Krise steckt. Führungskräften in emotionalen Ausnahmesituationen helfen, ist gut zu machen und doch nicht ganz so einfach.

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1) Psyconomy, in: https://www.zeit.de/arbeit/2019-04/beziehungsprobleme-liebeskummer-fuehrungskraefte-manager-trennung-firma-hilfe/komplettansicht
2) https://www.zeit.de/arbeit/2019-04/beziehungsprobleme-liebeskummer-fuehrungskraefte-manager-trennung-firma-hilfe/komplettansicht 

 

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